Wenn aus Müttern Kinder werden …

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… dann ist das nicht wirklich lustig.

Rückblick – Ende Januar 2017 –  Start für ein Wahnsinns-Projekt
Die erste Runde beginnt am Tag nach ihrem 94. Geburtstag. Da bitten wir sie, für ein paar Tage (es wurden dann 5) im gegenüberliegenden Seniorenwohnheim in Kurzzeit-Pflege zu gehen, damit wir ihre Wohnung in einen akzeptablen Zustand versetzen können.

Wir wollen ihr dadurch ihre beiden Herzenswünsche ermöglichen: möglichst lange in der eigenen Wohnung zu leben und möglichst oft eines ihrer Kinder (wir sind drei) ein paar Tage bei sich zu haben.

Ein großes Vorhaben. Mutter sieht fast nichts mehr. Sie verwendet ihre Hörgeräte nur ungern und unregelmäßig, sie hat viele Tage, die von depressiven Stimmungen geprägt sind und sie möchte niemals Hilfe von anderen Menschen außer von uns Kindern. Wir sind geographisch verstreut. Der Älteste gut 200 km entfernt, ich als Mittlere lebe mit Mann, Sohn und Enkel ca. 400 km entfernt und habe noch dazu einen 40-Stunden-Wochenend-Pendel-Job an einem Standort, der wiederum 200 km weit weg ist. Unser „Küken“ ist 53 und lebt seit einem Jahr in einer stationären Einrichtung, da er seit seiner Geburt einige Handicaps hat. Er wohnte bis dahin bei Mutter – und war ihre Lebensaufgabe. Die kann sie nicht loslassen, ihn kann sie nicht loslassen. Sein Auszug war aber absolut notwendig geworden, weil seine Betreuung sie einfach überforderte.

Seit Jahrzehnten sammelt Mutter alles, von dem sie sicher ist, dass es noch gebraucht werden könnte. Egal, ob von ihr oder von anderen. Das klingt nach guter alter Sparsamkeit – hat sicher auch dort seinen Ursprung. Die Auswüchse aber kann man nur mit der Definition „krankhafter Geiz“ beschreiben. Egal ob es um benutztes Butterbrotpapier, benutzte Plastikbeutel oder löchrig gewordene Unterwäsche geht – alles kann noch verwendet werden. Daneben gibt es aber auch riesige Lagerbestände der gleichen Artikel in NEU. Die werden in Originalverpackung aufgehoben …… die alten sind ja „noch gut“.

Wir wollen aufräumen, ausräumen, entrümpeln.  Die gesamte Wohnung ist vollgestopft mit solchen Sammelartikeln. Überall Tüten und Kartons voll Zeug. Überall Geruchsexplosionen beim Öffnen von verschlossenen Behältern. Überall Zentimeter dicker Staub – und überall Mutter mit Kommentaren wie „könnt Ihr damit nicht warten, bis ich unter der Erde bin“ – oder – „was sollen denn die Nachbarn denken wenn ihr das jetzt alles raus tragt„.

IMG_6381Der einzige Deal, den wir mit ihr machen können, ist, dass sie uns gestattet, diese Aufräumaktion durchzuführen, wenn sie JEDEN Gegenstand sichten darf, der über die Wohnungsschwelle geht… Drei Umzugskartons voll leerer Schraubgläser (für Marmelade kochen) tragen wir zum Glascontainer. Drei weitere mit Altpapier gehen den ähnlichen Weg. Sechs Koffer voller Kleidung bringen wir in die Kleiderkammer. Verdorbene Lebensmittel wandern in den Müllcontainer, ein kleinerer Teil kann noch an Obdachlose und Bedürftige abgegeben werden. Das Abgeben an andere ist für Mutter  keine gute Option – sie will es höchstens an die eigenen Kinder und Enkel abgeben. Das wollen wir aber nicht als Notlüge nutzen …

Die Reaktion der Nachbarn ist sehr unfreundlich. Das Haus ist behindertengerecht und für Betreutes Wohnen geeignet. Dementsprechend ist die Zusammensetzung der Mieter. Wir bringen nun ihre heile Welt durcheinander. Tagelang sind wir mit Waschen beschäftigt, belegen den Trockenraum, nehmen den Platz im Müllcontainer in Beschlag, lüften zu ungehörigen Zeiten im Treppenhaus, und „zwingen“ unsere arme Mutter, all dies zu Lebzeiten zu ertragen…….. Ja – auch hier ist der Tenor „also ich habe meinen Kindern gesagt, dass sie das erst dürfen wenn ich unter der Erde bin….“
Diese Technik der Hinterbliebenen Kinder kennen wir. Die kommen immer an die Tür unserer Mutter und bieten ihr Sachen an, die „viel zu gut zum Wegwerfen“ sind. Auf diese Art und Weise sind all die Tüten, Säcke und Kartons in Mutters Wohnung gelandet, die wir nun sortieren dürfen, die wir nicht entsorgen dürfen ohne gegen Mutters Spartrieb anzukämpfen – und die uns viele Stunden Extra-Arbeits-zeit verschaffen. Und deren Entsorgung wir finanzieren dürfen….. DANKE an die Nachbarskinder !!!!

Wir Kinder nehmen uns ein Hotelappartement in der Nähe und beginnen jeden Arbeitstag mit gemeinsamem Frühstück beim Bäcker und beenden ihn mit Abendessen im Türkisch-deutschen Imbiss. Nach fünf Tagen ist ein Meilenstein erreicht: Wohnung Grund gereinigt, Möblierung angepasst an die zukünftige dauerhafte Anwesenheit von einem der Kinder, Überflüssiges entsorgt oder im Keller sortiert verstaut, Mutter wieder im eigenen Bett schlafend.

Sie hat die Kurzzeit-Pflege nicht wirklich in Anspruch genommen. Schlafen, Frühstück, Abendessen  – die übrige Zeit hat sie bei uns im Chaos verbracht – weil sie nichts verpassen wollte – entsprechend durcheinander ist sie jetzt auch. Eine weitere Woche betreue ich sie in der nun veränderten Welt, mit veränderten Spielregeln hinsichtlich Aufheben, Umgang mit Müll und Inhalt im Kühlschrank …

Wenn Mutter, die früher die Werte Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit als besonders wichtig vermittelt und eingefordert hat, gerade diese Werte jetzt nicht mehr einhalten kann, sie aber im Gegenzug immer noch von mir erwartet, dann macht mich das wütend. Mit dieser Wut weiß ich nicht, wohin. Wenn gar nichts mehr geht, muss ich raus – Kilometerlange Spaziergänge machen – Ärger, Wut, Sorge, Frust in Bewegungsenergie umwandeln. Danach geht es wieder ein wenig besser. Ich habe dann das Gefühl, auch mal wieder etwas FÜR MICH getan zu haben.

Irgendwann in der zweiten Woche ist der Punkt erreicht, an dem sie sich über das Neue Leben freuen kann. Jetzt erklärt sie selbst den Nachbarn, dass sie einfach zu viel aufgehoben hat, dass es gut war, mal ein wenig Platz zu schaffen und dass sie dankbar ist, dass ihre Kinder das gemacht haben. Sogar die Gardinen seien gewaschen worden …
Und die Nachbarn ????  sagen plötzlich „ach – Sie haben aber tolle Kinder“ – „das müsste bei mir auch mal gemacht werden“ ……..

Rückblick – Ende Februar 2017 – Zweite Runde des Projektes

Frühjahr

Sie steht vor mir, baut sich zu Ihrer ganzen Größe von gerade mal noch 1,60 auf und sagt „wenn Ihr DAS mit mir macht, dann gehe ich zur Tür raus – und komme nicht wieder!“

Mit einer Kraft, die in den letzten Wochen nie bei ihr zu spüren war. Trotz und Wut mobilisieren offensichtlich sehr viel Kraft, reißen sogar aus depressiven Stimmungen. Aber es ist kein angenehmes Gefühl, die eigene Mutter so weit zu bringen… Da schwingt die Sorge mit, ob es vielleicht doch zu viel verlangt ist von ihr, sich auf diese Reise der Veränderung mit uns Kindern einzulassen. Ist das Ziel, das wir vor Augen haben, doch nicht ihr Ziel – oder hat es nicht genug Attraktivität um die Ängste auszuhalten, die gerade auf sie einstürmen?

Seit knapp einem Jahr kommt der Pflegedienst der Caritas einmal pro Woche – zur Hilfe beim Duschen und seit einigen Monaten auch zum Medikamente-Stellen. Und nun möchten wir das erweitern. Wochentags morgens und abends ein kurzer Besuch – damit sicher ist, dass die Medikamente genommen werden und auch etwas gegessen und getrunken wird. Bei Bedarf ist auch ein bisschen Hilfe beim Frühstück oder Abendessen zubereiten möglich – oder was sonst gerade gebraucht wird. Wir Kinder können keine tägliche Rund-um-die-Uhr-Anwesenheit sicher stellen, möchten aber dennoch sicher stellen, dass es ihr gut geht.

Sie sagt, das sei keine Hilfe, das sei KONTROLLE  – und die will sie nicht – weil sie das nicht braucht! Wir ringen ihr in langen und harten Gesprächen ab, dass sie es eine Woche lang versuchen wird – während ich ebenfalls vor Ort bin – damit sie sich sicher fühlt in diesen vielen Veränderungen.

An den folgenden Tagen gibt mir die „drohende Caritas-Besuchs-Kontrolle“ öfter mal Anlass zum Schmunzeln. Mutter steht besonders früh auf und macht sich schon mal ihr Frühstück (um allen zu zeigen, dass sie das suuuuper gut alleine kann). Und dann sitzt sie um kurz nach 7 komplett angezogen und gekämmt (mit Zähnen und Hörgeräten!!!) am Tisch, hat gefrühstückt und wartet aufs Klingeln …… und wartet ……. und wartet ….. und als dann die Caritas (um 10 vor 8) kommt, demonstriert sie stolz, dass sie schon gefrühstückt hat und zählt die Tabletten, die sie jetzt schluckt auch artig vor ……. Und dann ist sie froh dass die Pflegerin wieder geht (auch wenn sie mindestens die zweit-netteste ist die sie kennt)  und sagt „bis morgen dann“ und fragt mich als die Tür zu ist „und das wars jetzt für heute, oder?“ … und dann ist sie ganz enttäuscht – denn heute Abend kommt ja schon wieder so eine …

Wenn eine 94-jährige Frau zwar spürt, dass nicht mehr alles „geht“, aber das nicht wahrhaben will und deshalb immer häufiger wie ein dreijähriges Trotzkind reagiert, dann habe ich als Erwachsene Tochter kein passendes Reaktionsmuster parat. Ich bin eingetaucht in eine Mischung aus Kindheitserinnerungen, den Willen, es meiner Mutter möglichst schön und angenehm zu machen, und dem Wunsch, mich selbst dabei nicht völlig aufzureiben….

Zeitsprung – Heute – Anfang April 2017 – es hat sich gelohnt!

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Die Caritas durfte und darf weiterhin kommen. Zwar betrachtet Mutter das immer noch als nicht erforderlich – aber sie akzeptiert es. Sie macht ein paar spitze Bemerkungen darüber, sie kommentiert, dass „die“ zu spät oder zu früh kommen (obwohl die Uhrzeit weitgehend gleich bleibend ist), aber mit den meisten Mitarbeiterinnen des Pflegedienstes kommt sie gut zurecht.

Wir Kinder sind nun tatsächlich oft dort. Mal als Tagesausflug, mal für zwei, drei, vier Tage  – und immer einer übers Wochenende. Viel viel öfter als vorher – fast jede Woche – und wir fühlen uns im aufgeräumten Umfeld auch deutlich wohler. Mutter freut sich über jeden einzelnen Tag, den wir da sind. Wir erledigen wichtige Besorgungen, Schriftkram, sitzen abends mit ihr zusammen und blättern im Fotoalbum, haben das Kämpfen eingestellt, und akzeptieren unsere unterschiedliche Lebensweise.

So war es geplant – mehr angenehmes Leben für Mutter, mehr gemeinsame Zeit, weniger Sorgen, weniger Streit, Enttäuschung, Vorwürfe.

Und so ist es auch geworden!

Bitte nicht missverstehen – das ist NICHT einfach – wirklich nicht. Viele zusätzliche Kilometer mit Zug oder Auto, viel weniger Freizeit mit der eigenen Familie, viel mehr Komprimierung von Multitasking, viel mehr Zerrissenheit zwischen Standorten und Prioritäten. Aber es fühlt sich gut an – es fühlt sich RICHTIG an!

Das wünsche ich allen, deren Mütter oder Väter langsam wieder Kinder werden:IMG_6390

– eine Idee von dem, wie der gemeinsame Weg weitergehen kann

– die Kraft, ihn zu gehen

– die Zuversicht, dass Schwierigkeiten überstanden werden können

– die Weisheit, zu erkennen, wann eine Kurskorrektur erforderlich ist

– und die Geduld und Gelassenheit, bis zum guten Ende durchzuhalten.

Wir haben jetzt sogar die Neu-Bepflanzung des Familiengrabes in Auftrag gegeben. Seit Jahren schieben wir es hinaus – weil Mutter immer sagte „damit könnt ihr doch warten bis ich unter der Erde bin – dann muss es sowieso neu gemacht werden“. Darauf warten wir jetzt nicht mehr.  Sie sieht es inzwischen genauso. Vorerst hat sie genug Lust und Freude am Leben! Ihr Zitat „jetzt habt Ihr so viel Arbeit hier in die Wohnung gesteckt – da hoffen wir mal, dass ich sie noch lange nutzen kann!“

Ja – das hoffen wir auch!!

Bis bald – Lydia Gajewsky

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Ein Gedanke zu “Wenn aus Müttern Kinder werden …

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