Wenn es dreimal kräftig knallt

Eine Woche hat 7 Tage, jeder Tag 24 Stunden, jede Stunde hat….. ja ich weiß dass das jeder weiß – also anders:
Ich habe Urlaub. 3 Wochen lang. Luxus – seit Jahren mal so lange am Stück! Ich plane alles sehr entspannt – z. B. reichlich Zeitreserven. Zeit zum Kofferpacken vorher, 2 Wochen unterwegs mit mehreren Standorten (Wandern, Konzert, Freunde besuchen…) und Zeit zum Wäschewaschen hinterher.
Ich organisiere, dass die pflegebedürftigen Familienangehörigen die ich betreue, gut versorgt sind.
Mein Handy nehme ich mit. Mit dem kleinen Gedanken „früher war man im Urlaub nicht erreichbar – das war auch ganz schön…“
Dieser Gedanke wird mich noch einholen…..

Eine Woche lang (siehe Zeitrechnung oben) läuft alles prima. Wanderurlaub. Viel Wald und Grün und Berge und Lachen und Luft und Essen und Schlafen. Ich nehme meine Eigenverantwortung ernst und fülle meine Energiespeicher wieder auf. Entferne das schlechte Adrenalin aus meinem Körper, das durch die (auch objektiv betrachtet) zu große Mehrfachbelastung da herum kreist.
40-Stunden-Vollzeitjob, Wochenendehe in 300 km Entfernung. Dort Rohbau-Wohnungssituation und ein gesundheitlich stark angeschlagener Ehepartner.
Am Standort 3 (wiederum 400 bzw. 250 km entfernt von den anderen Standorten) dann Gesetzliche Betreuung für ein Familienmitglied mit Handicaps in einem Wohnheim sowie die finanzielle, organisatorische und mentale Betreuung inklusive Waschen und Einkaufen etc. für meine fast blinde 94jährige Mutter die unbedingt weiter alleine wohnen will.
Ja – das ist zu viel. Nein – ich kann keinen Beteiligen fallen lassen. Nein – wenn die anderen nicht daran mitarbeiten dann wird das System mit einem Knall explodieren. Oder ich…….

Wie gesagt – eine Woche lang hält das System. Und dann kommt Knall Nummer 1 – Orkan Sebastian verwüstet meinen zuhause-Garten und fällt einen 20 Meter hohen Baum. Ehemann kümmert sich – ist aber hörbar „am Anschlag“. Viele Telefonate folgen…..
2 Stunden nach Knall 1 folgt Knall 2: Mutter hat einen Zusammenbruch. Ja – sie ruft MICH an. Nein – sie ruft NICHT das Notfalltelefon an (wofür sie ihr Armband trägt). Nein – sie ruft auch nicht den Pflegedienst an – oder meinen Bruder – oder …..
Vom Ausland aus organisiere ich also (zwischen den Telefonaten wegen des Orkans) dass sie zum Notarzt kommt. Um Mitternacht entlässt man sie nach hause….. um halb sieben am nächsten Morgen weckt sie mich mit dieser „frohen Botschaft“.
Ich organisiere eine geregelte Einweisung in die Klinik. Und denke verstärkt über Urlaubsabbruch nach. Für wen habe ich die größere Verantwortung? Für mich? Für die von mir betreute Mutter? Die Ihre eigene Verantwortung nicht wahrnimmt und Hilfe (von allen außer mir) nicht annimmt?
Ich entscheide mich für mich selbst und bleibe.

Die nächsten Tage sind gekennzeichnet von unzähligen Telefonaten. Bis Mutter in der Klinik ein Telefon hat sind unglaubliche Klimmzüge erforderlich. Die Klinik kann dies nicht ermöglichen. Man muss fähig sein, einen Automaten an der Pforte zu bedienen…
Das Pflegepersonal darf das Diensttelefon keinem Patienten geben und keine Auskunft über den Zustand der Patienten geben. Um einen Arzt zu sprechen sind minimal 8 Anrufversuche erforderlich – zu 4 verschiedenen Uhrzeiten…..

Irgendwann „läuft“ das alles. Scheinbar ruhiges Fahrwasser… Bis die Telefonkarte aufgebraucht ist und Mutter keine Nachzahlung machen (lassen) will. Sie ist nicht erreichbar und die Familienmitglieder rufen bei mir (!!) an, um zu hören wo sie steckt und was los ist…. was ich auch erst nach vielen eigenen Telefonversuchen erfahre.

Die Modalitäten für nach der Entlassung kann ich ihr mangels Telefon nicht erklären. Ich habe Kurzzeitpflege organisiert. Das ist mit ihr abgesprochen. Mindestens bis ich zurück bin. Sie kennt das Heim weil sie bereits jeden Mittag dort isst. Sie kennt die Leute dort und fühlt sich (als Besuch!!) wohl. Es sind 50 Meter von ihrem Hauseingang bis dort hin. Die Absprachen mit Klinik und Heim mache ich vom Oktoberfest aus. Ich habe weiter an meinem Urlaubsplan festgehalten und bin mit einer Freundin dort unterwegs.

Den Arzt der sie entlässt, versteht sie nicht. Andere Muttersprache. Starker Akzent. Nur so ist wohl Knall 3 erklärbar. Heute früh 10 Uhr. Anstatt in der Kurzzeitpflege aufzutauchen (wohin der Krankentransport gehen sollte) ruft sie mich aus ihrer Wohnung an. Stolz und zufrieden aber auch kleinlaut. Wie es denn nun weitergeht……
Sie hat den Taxifahrer wohl zur gewohnten Haustür gelotst und sitzt nun dort ohne Pflegedienst und ohne Notfallknopf. Ohne Arzt, Medikamente, Plan was sie wann nehmen soll. Ohne Essen das noch genießbar ist.
Und in einer halben Stunde geht mein Zug……
Es ist noch nicht mal eine Woche vergangen seit Knall 1…

Und jetzt?
Frage: wie hält man oder frau es aus, für sich selbst zu sorgen und in diesem Interesse verantwortlich zu handeln wenn dabei liebe Menschen auf der Strecke bleiben, weil sie nicht bereit sind ihre eigene Verantwortung zu tragen oder abzugeben und das Ergebnis zu akzeptieren?
Ich habe die Wahl, selbst zu zerbrechen oder von meiner Mutter nun einzufordern, dass sie in vollstationäre Betreuung geht. Für Sie das Schlimmste was sie sich vorstellen kann.
Ich schreibe das aus dem Zug der mich in mein Baustellenzuhause zurück bringt wo ich mir den verwüsteten Garten ansehen werde. Und heute Abend vielleicht Neues über meine Mutter erfahre…

Mit nachdenklichen Grüßen
Lydia Gajewsky

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3 Gedanken zu “Wenn es dreimal kräftig knallt

  1. Liebe Lydia,

    einen Teil hatte ich ja mitbekommen, aber nun war ich doch gebannt vor deinen Zeilen gesessen. Hut ab vor deiner Entscheidung für DICH dazu sein! Das war sicher sehr wichtig, nicht nur für dich. Was du alles stemmst ist massig, das weißt du und wissen ganz viele. Ich hoffe du bekommst die Wertschätzung von allen zurück, sodass dieses Gefühl wieder einiges in dir aufwiegen darf.

    Alles Liebe für dich,
    Damaris

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    • Danke Damaris!
      erst einmal war und ist es sehr wichtig für mich selbst, dass ich für mich einstehe und gut sorge. Was jedesmal (noch) eine bewusste Entscheidung ist und Kraft fordert. Mir hat dabei sehr geholfen, auch einmal Gefühle wie Wut und Ärger zuzulassen und einen Teil davon auch nach außen zu zeigen. Das hat auch endlich mal Reaktionen bei Familienmitgliedern gezeigt. Ich übe noch das ganz bewusste Delegieren – und halte mir selbst die Hände fest, damit ich anschließend NICHT Nach-arbeite wenn es mir nicht schnell oder gut genug geht ;-)))))))) Jetzt wappne ich mich dafür, am Samstag „Klartext“ bei Mama zu reden – ich will die Wohnung zum Jahresende auflösen. Ich nehme ganz viel mentalen Schutz mit – und freue mich auf Unterstützung aus der Ferne 😉
      Danke dass ich Dich als Begleiterin habe!
      Lydia

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