Koffer schwer – Herz leicht

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Es ist passiert- ich habe es tatsächlich getan. Ich habe den Satz „ich kann nicht mehr“ über die Lippen gebracht. Ohne Verpackung und Beschönigung – ohne strategische Hinterabsichten – einfach nur geradeaus.  Weil es stimmt!

Ich hatte mich auf das Gespräch gut vorbereitet. War tief in mich gegangen, hatte geprüft, ob ich es aushalten werde, Verantwortung wieder zurück zu geben, auch wenn es den betroffenen Menschen weh tut. Aufgaben abzugeben, ohne eine/n Nachfolger/in benennen zu können. Loslassen und vertrauen, dass es irgendwann irgendwie ein Lösung geben wird, die diesmal nicht ich schaffen oder bestimmen kann. Es hat sich bei jeder Prüfung schwer angefühlt – aber immer durch und durch richtig. Wenn ich nicht zuerst für mich selbst sorge, dann kann ich es sehr bald auch nicht mehr für andere. Wenn ich nicht an mich denke, dann tut es niemand. Wenn ich nicht klar erkennen lasse, dass ich Grenzen habe, dann werden diese von anderen immer weiter verschoben – bis ich  einfach nicht mehr da bin …..

Das will ich nicht – und die Menschen, die mir wichtig sind, die wollen das auch nicht wirklich. Es war nur erst einmal nötig, deutlich zu zeigen, dass ich am Ende meiner Kraft bin. Und genau das war die Hürde, denn Superwoman gibt NIE auf!!!!! Aber ab jetzt bin ich nicht mehr Superwoman – ab jetzt bin ich einfach ICH.

Es gibt bisher keine Lösung. Es gibt niemanden, der meine Stelle einnehmen wird, niemanden, der den Staffelstab übernimmt. Für mich als Lösungs- und Ergebnis-orientierten Menschen sehr schwer auszuhalten. Aber dafür fühle ich mich leichter. Tatsächlich sind mir gefühlt Tonnen von den Schultern gerutscht. Ich habe meiner Mutter die Verantwortung für ihre Lebensgestaltung zurückgegeben. Meiner Lösungsidee (stationäre Unterbringung) kann sie (noch?) nicht zustimmen.

Sie kennt sich in der Einrichtung um die es geht und in der sie momentan in Kurzzeitpflege ist, bestens aus, geht dort seit Jahren ein und aus, kennt Personal und Bewohner, isst jeden Mittag dort. Das Zimmer gefällt ihr, die liebevolle Versorgung wird gelobt. Wir haben gemeinsam ganz viele Lieblings-Klamotten ausgesucht und mitgenommen. Sie hat Spaß daran gefunden, sich mal wieder hübsch anziehen zu können weil sie ja unter Leute geht. Ihre Einsamkeit ist deutlich reduziert – aber das alles reicht nicht aus, damit sie die eigenen vier Wände hergeben kann.

Sie nutzt die verbleibenden drei Wochen Kurzzeitpflege um nach Lösungen zu suchen, die ihr die Rückkehr in die eigene Wohnung ermöglichen. Das wird schwer, da sie bisher Hilfe von außen kaum zulässt und immer nur als Kontrolle versteht. Und hier geht es um das hauswirtschaftliche Komplett-Programm. Das fängt an mit „was ist im Kühlschrank? Muss das weg? Was wird gebraucht?“, setzt sich mit Einkaufen, Brot schneiden, Kaffee kochen, Wäsche sortieren und waschen, Putzen, Geschirr  spülen, Müll runterbringen fort und endet bei der Kontrolle der täglichen Trinkmenge (schließlich ist sie wegen Austrocknung in der Klinik gelandet). Und damit ist die Einsamkeit in den übrigen Tages- und Nachtstunden noch nicht besiegt……

Aber zurück zu meinem schwerer gewordenen Koffer. Ich habe am Sonntag meinen „dritten Haushalt“ (neben Zuhause und Arbeits-Zweitwohnsitz) aufgelöst. Bisher hatte ich eine große Tasche mit meinen  Klamotten („damit immer was da ist“) in einer Ecke von Mamas Wohnung deponiert. Jetzt durfte die Kleidung mit in mein Zuhause zurück – mein Koffer war brechend voll geworden. Ich habe meine Zelte abgebrochen (die dort gebliebene Zahnbürste zählt nicht, finde ich ;-))) – aus meinen drei Lebensstandorten werden endlich wieder zwei. Wenn ich demnächst wieder nach Kassel fahre, dann als Besuch. Als Tochter und Schwester. Nicht als Hauswirtschafterin oder Pflegerin oder Projekt-Mama-Managerin. Wow – das ist ein supergutes Gefühl von LEICHTIGKEIT!

Mama hat dafür Verständnis. Mein Satz „ich kann nicht mehr“ war wirklich der Türöffner zu ihrem Herzen. Ich habe – mit ihrem Einverständnis – meine Handynummer von Platz 1 ihrer Kurzwahl entfernt. Mein Bruder ist an diese Stelle gerückt. Auch das ist eine Riesen-Erleichterung. Es wird nicht mehr jeder Notfall als erstes bei mir eingehen. Ich muss nicht mehr in sämtlichen Dienst-Terminen das Handy im Blick haben.

Von außen betrachtet mag das alles ziemlich unbedeutend erscheinen. Von innen betrachtet ist es ein Riesen-Schritt hin zu mir selbst. Und das Körpergefühl zeigt mir das am Allerdeutlichsten. Ich kann wieder besser durchatmen. Ich  habe beim Blick nach vorne und in den Kalender das Gefühl frei bestimmen zu können über meine Zeit. Mein Herz fühlt sich wirklich freier. Ohne schlechtes Gewissen.

Dass es so „einfach“ wird, konnte ich mir nicht vorstellen. Nur die Unterstützung und der Zuspruch vieler naher und entfernter Freunde hat das möglich gemacht. Dafür bin ich Euch allen sehr sehr dankbar!

Mit dankbaren und leichtfüßigen Grüßen

Lydia Gajewsky

 

 

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2 Gedanken zu “Koffer schwer – Herz leicht

  1. Wie schön,Lydia und ich kann mir vorstellen, dass es auch eine wirklich große leistung ist auch wenn du schreibst, dass es letztendlich im Tun so „Einfach“ war. Der Weg dahin hat dich viel Kraft gekostet und deinen ganzen Mut gefordert. Von Herzen Glückwunsch! Ich teile deine Zuversicht, dass sich eine Lösung finden wird und gerade durch solche Veränderungen werden oft erst ganz neue Wege im Gesamtsystem frei.
    Ich schicke dir eine ganz dicke Umärmelung und freue mich mit dir, dass du nun dir selbst wieder in Ruhe raum in deinem leben einräumen kannst.
    Liebe Grüße,
    Elke Storath

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